Der Pott ist mein Sehnsuchtsort – und Arbeitsplatz

Es gibt Orte, die sucht man sich aus. Und es gibt Orte, die suchen sich einen selbst aus. Der Ruhrpott gehört für mich zur zweiten Sorte. Er ist nicht nur der Fleck auf der Landkarte, an dem ich arbeite – er ist der Soundtrack im Hintergrund, der Geruch nach Regen auf warmen Asphalt, das Echo alter Fördertürme zwischen neuen Glasfassaden. Er ist Sehnsuchtsort und Realität zugleich.

Viele verstehen das nicht sofort. Sehnsucht, sagen sie, die liegt doch am Meer. In den Bergen. Irgendwo, wo Postkartenmotive wohnen. Aber der Pott braucht keine Postkarte. Er wirkt über Begegnungen, über Geschichten, über dieses direkte, ehrliche Lebensgefühl, das man nur schwer erklären kann, wenn man es nie erlebt hat.

„Hier zählt nicht, woher du kommst, sondern wie du bist.“

Hier zählt nicht, woher du kommst, sondern wie du bist. Zwischen alten Zechen, Kanälen und Bahntrassen hat sich eine Mentalität entwickelt. Man hilft sich. Man packt an. Und wenn’s drauf ankommt, steht man zusammen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich immer wieder spüre: Hier gehöre ich hin.

Gleichzeitig ist der Pott mein Arbeitsplatz. Morgens geht es vorbei an Industriekultur, an Relikten der Zeit, die heute selbstverständlich neben moderner Infrastruktur entstehen. Wo früher Malocher unter Tage gingen, entstehen heute Ideen, Start-ups, Kulturorte. Der Wandel ist sichtbar, aber er fühlt sich nicht aufgesetzt an. Er wächst aus dem, was da war.

Diese Mischung fasziniert mich jeden Tag aufs Neue. Vergangenheit und Zukunft, dicht nebeneinander. Alte Backsteine treffen auf Stahl und Glas. Und mittendrin Menschen, die ihren ganz eigenen Weg gehen. Das Arbeiten hier hat etwas Erdendes. Es erinnert mich daran, dass Fortschritt Zeit braucht – und dass er am besten gelingt, wenn man seine Wurzeln kennt.

Meine coolste Zeit meines Lebens

Waren die 7 Jahre in Bochum. Nirgendwo habe ich so viel über Menschen und Kultur gelernt, wie hier. Ich durfte Menschen kennenlernen, die Geschichten schreiben. Ich durfte mich neu erfinden. Mein jahrelanges Hobby Rennradfahren wurde zur Beweisprobe, zwischen dichten Verkehr und alten Bahntrassen. Die Straßenbahn vor der Tür fuhr alle 4 Minuten. Wie irre muss man sein, direkt an einer Straßenbahntrasse zu wohnen? Die Antwort ist: Ja. Und ich vermisse diese Zeit tatsächlich, auch wenn ich heute im Speckgürtel wohnen darf und die Ruhe mir gut tut.

Der Pott ist ehrlich. Er ist laut und leise zugleich, grau und bunt, hart und herzlich. Vielleicht ist genau dieser Widerspruch seine größte Stärke. Hier darf man Ecken und Kanten haben. Hier muss nicht alles geschniegelt sein. Hier reicht ein „Glück auf“, und man weiß: Man ist nicht allein.

Der Pott ist mein Sehnsuchtsort.
Nicht trotz der Arbeiten – auch wegen ihr.